Forum der Palliativmedizin und Visionär persön- lich kennen gelernt. Wenn ich einen Tag unsichtbar wäre, würde ich … mir spontan die Situation ehrlich gesagt nicht vorstellen können und wollen. Denn „Wer sich unsichtbar machen muss, um zu gefallen, ist in falscher Ge- sellschaft“. Wie geht es unseren Patien- ten, die zu häufig „unsichtbar“ sind, die nicht beachtet werden oder übersehen werden? Es ist an der Zeit, Menschen – und das sind eben auch Patienten –, die sich unsichtbar fühlen, weil sie keine Auf- merksamkeit oder Reaktion von anderen erhalten, aus dieser Unsichtbarkeit he- rauszuhelfen und mehr in den Blick zu nehmen. Wie können Sie Martina Kern beschrei- ben? Martina Kern ist nahezu unbeschreiblich. Sie ist nicht nur Kollegin von Beginn mei- ner Tätigkeit in der Palliativmedizin an, sondern wurde beste Freundin, ist und bleibt durch ihre Sicht auf mich und mei- ne Fragen hilfreiche Kritikerin und hat mich immer wieder motiviert tiefer nachzudenken, dazuzulernen, demütig zu sein, aber auch mutig zu sein, nicht nur im pflegerisch-medizinischen Be- reich, sondern auch weit darüber hinaus. Martina ist eine exzellente Pflegefach- person. Als Krankrenschwester in der Palliative Care hat sie uns Ärzten und mir persönlich durch ihre Fähigkeit der Krankenbeobachtung maßgeblich dazu beigetragen, Patienten besser zu verste- hen und umfassender zu behandeln und zu begleiten. Sie plädierte sehr früh für einen ehrlichen Umgang mit den Patien- ten, ist neugierig auf die Welt und gesell- schaftspolitisch engagiert, steht für Ge- rechtigkeit und so viel mehr. Besonders ist ihr Altruismus. Ich kenne kaum einen Menschen, der so uneigennützig und na- hezu selbstlos wie Martina zum Wohle anderer handelt. Von Martina kannst du alles haben! Ihre Zuneigung, ihre Klarheit und Wahrheit, auch wenn es nicht immer bequem ist, aber eben auch ihr Wissen und ihre Gedanken, die sie sich macht. Auch das Materielle ist ihr nicht so wich- tig, so dass sie gerne abgibt. Darüber hi- naus zeichnet Martina aus, dass sie sich über die Jahre immer weiterentwickelt hat und damit zu einer Persönlichkeit ge- worden ist, die nicht nur für mich, son- dern auch in der Palliativmedizin zu ei- nem Vorbild geworden ist. Dafür bin ich Martina immens dankbar und freue mich auf viele weitere Jahre der Freund- schaft und des regen Austausches. Wie beenden Sie Ihren Tag? Früher war das lange – und in meinem zu Hause in Göttingen – das ungestörte Arbeiten bis in die Nacht eine Selbstver- ständlichkeit. Vor dem ins Bett gehen habe ich häufig noch ein wenig eher klas- sische Musik gehört, um abzuschalten. Jetzt genieße ich es, mit meiner Frau in unserem neuen Zuhause den Abend ge- meinsam zu verbringen. Gibt es etwas, das Sie gern gefragt worden wären, aber noch nie gefragt worden sind? Ich weiß nicht, ob ich es so gerne gefragt worden wäre, aber noch nie oder nahezu nie bin ich gefragt worden, wie es eigent- lich meine Kollegen, damals in Bonn, oder über die vielen Jahre in Göttingen mit mir ausgehalten haben. Ich kann, wenn ich etwas erreichen möchte, glau- be ich, ziemlich anstrengend sein, um ein freundlicheres Wort als „ätzend“ – was eher Familie oder Freunde sagen würden – zu nutzen. Wie war es für die Kollegen in unserem multiprofessionel- len Team jemanden als Chef zu haben, der oft alles genau wissen will, nach- fragt, bis es erledigt ist, sich ewig ein- mischt oder vielleicht sogar ein Besser- wisser war. Ich möchte mich bei allen ehemaligen Kollegen, ob im ärztlichen oder pflegerischen Bereich, den zahlrei- chen Kollegen aus dem psychosozialen oder spirituellen Bereich, der Musikthe- rapie und Physiotherapie den Sekretaria- ten, den Teams der Akademie und For- schung und dem Ehrenamt sehr herzlich bedanken, dass sie mich ausgehalten und genommen haben, wie ich bin und die mit dazu beigetragen haben, dass ich mich hier und da hoffentlich ein we- nig geändert habe. ZUR PERSON 1955 in Tübingen geboren, Exami- nierter Krankenpfleger, Anästhe- sist, Palliativmediziner, Schmerz- therapeut, ehemaliger Direktor der Klinik für Palliativmedizin der Universitätsmedizin Göttingen. 2010–2014 Präsident der Deut- schen Gesellschaft für Palliativme- dizin (DGP), 2017–2021 Vorsitzen- der der Deutschen interdisziplinä- ren Vereinigung Behandlung im Voraus Planen (DiV-BVP/ACP Deutschland e. V.). 2000–2025 Herausgeber der Zeitschrift für Palliativmedizin, Familienmensch und Großvater von 6 Enkelkindern. Martina Kern Wie kamen Sie in Ihr jetziges Tätig- keitsfeld? Das ist eine Frage mit zwei Teilen, da ich bis zum September 2025 zwei berufliche Tätigkeitsfelder hatte. Das erste geht in die Zeit zurück, als ich 1988 vom Nieder- rhein an das damalige Malteser Kranken- hauses wechselte. Ein Haus, das bereits damals eine gute Sterbe- und Abschieds- kultur hatte. Es gab z. B. ein Verabschie- dungszimmer auf dem Flur der inneren Abteilung, auf der ich arbeitete. Das Ab- schieben von Sterbenden oder Verstor- benen in Badezimmer gab es dort nicht. Eine faszinierende Erfahrung für mich. Auch, dass man bei sterbenden Men- schen ein Palliativkonsil anfordern konn- te, – wenn es gelang, Stationsärztinnen und Ärzte davon zu überzeugen, dass dies sinnvoll sein könnte. Und dann kam Professor Klaschik, und das Konzept, das er vorlebte, war wie eine Offenbarung für mich: kein Absaugen bei sterbenden Menschen, regelmäßige Schmerzmittel- gabe und Zusatzmedikation statt maxi- mal 3-mal täglich eine … So startete Pal- liativ für mich: zunächst eine Handvoll Menschen, die sich fanden, um die Pallia- tivstation aufzubauen. Mehrere Aufent- halte in England, gemeinsames Entde- cken, der Versuch und die Erfahrung, Er- lebtes in Sprache zu bringen, Gefühle im beruflichen Kontext zu zeigen. Viele be- sondere Begegnungen mit sterbenden Menschen. Dies Alles stärkte meinen 30 Z Palliativmed 2026; 27 | © 2026. Thieme. All rights reserved.