52 PERSPEK TIVEN | INTERVIE W gehört aber zu unserem Job. Der Fortbildungs- zwang oder die Fortbildungen selbst waren auch ein Punkt. Viele sind nicht sinnvoll, müs- sen aber wegen der Abrechnung absolviert werden. Einige fragwürdige werden von man- chen Praxen bezahlt, andere sinnvolle muss der Therapeut aus seiner eigenen Tasche be- zahlen. Oftmals müssen wir Physios uns dafür sogar extra Urlaub nehmen. Ich brauchte eine Missi- on und eine Vision für mein Unternehmen. Kollegen waren ebenfalls ein Grund. Wir arbeiten ja oft nicht wirklich als Team zusam- men. Unser Arbeitsalltag lässt so ein Arbeiten nicht wirklich zu – und wenn, dann kommen Ratschläge immer zwischen Tür und Angel. Oft ist halt auch die Angst da, dass man seine Pati- enten abgibt. Auch Taktung, also der Rhythmus unserer Arbeit, veraltete Heilmittel und die Anweisun- gen von Ärzten sind frustrierend. Letztere sind ein großes Thema: Jeder Patient in unserer Ge- gend, der von einem Dr. X kommt, sagt: „Der Doktor hat gesagt, ich darf mich nicht bewe- gen, ich muss Pause machen.“ Was soll das? Ich führe schon eine interne Strichliste. Ein weiterer Punkt ist der Druck von Patien- ten und der, den wir uns selbst machen. Man muss sich für den Patienten ein Bein ausreißen, der aber auf der Gegenseite sehr wenig Eigen- initiative zeigt. Ich bin sogar froh, wenn ein Patient sein Krankheitsbild gegoogelt hat. Ich empfinde es als positiv, wenn sie auf den rich- tigen Plattformen etwas über ihre Beschwer- den lesen, sofern sie nicht direkt das Erstbeste vollständig glauben. Am Ende machen die Menschen das ja auch, wenn sie sich einen neuen Fernseher kaufen wollen. Hier wägen sie auch verschiedene Modelle gegeneinander ab, anstatt beim ersten Gerät stehen zu bleiben und es ohne weitere Vergleiche zu kaufen. Was hast du mit diesen Erkenntnissen nun gemacht, um deine Praxis für Mitarbeitende attraktiv zu gestalten? Mir ist besonders die Meinung meiner Mitar- beitenden wichtig. Wir haben z. B. einmal im Monat ein Teammeeting, wo wir uns eine Stunde Zeit nehmen. Jeder in meinem Team ist ein „Leidenschaftstherapeut“, und das ist auch gut so. Wir hören zu, sagen was uns stört, was wir verbessern können und wo etwas hakt. Wir versuchen aktiv, unseren 20-Minuten- Rhythmus abzuschaffen und auf einen 40-Minu- ten-Rhythmus zu gehen. Wir versuchen, die Patienten zu überzeugen, sich zu bewegen, sei es jetzt in unserem Fitnessstudio oder im All- tag zu Hause. Wir haben Modelle geschaffen, mit denen sie zusätzlich zur regulären Verord- nung weitere begleitende Bewegungsthera- pieangebote ausprobieren können. Momentan arbeiten wir daran, unseren Erstkontakt mit dem Patienten dahin abzuändern, dass wir vor der ersten Behandlung einen allgemeinen Be- fund erstellen können, um ihn zu einem pas- senden Therapeuten zu schicken und vorab ein erstes grob passendes Therapiekonzept zu er- stellen. Unser gesetzliches Krankenkassensys- tem ist vor allem auf die Notfallsversorgung ausgelegt. Es ist nicht so schlecht, wie viele behaupten. Aber es ist „nur“ auf ausreichende Versorgung ausgelegt. Und „ausreichend“ ist in der Schule immer noch die Note vier. Wir wollen für die Patienten andere Optio- nen aufzeigen, damit sie den Wert der Therapie mehr schätzen. Beispielsweise eine zusätzliche Mitgliedschaft in unserem Fitnessstudio, wäh- rend sie auf Basis einer Verordnung bei uns therapiert werden. Auch Tools wie EMGs oder, Ultraschalldiagnose können helfen, um spezifi- schere Maßnahmen anzuwenden. Auch Thera- peuten lieben es, solche Werkzeuge mit in die Therapie einzubauen. Digitales Arbeiten sollte definitiv in jede Praxis einziehen: Fotos, Scans und Videoanalysen vereinfachen und verbes- sern die Therapie. Ich stelle auch digitale Fort- Wer gegen die Vision arbeitet, bremst alle anderen aus. bildungen zur Verfügung, die die Mitarbeiten- den in festen Bürozeiten wahrnehmen können. Die Bürozeiten habe ich eingeführt, damit die Therapeuten untereinander zusammenkom- men. In normalen Firmen trifft man sich am Kaffeeautomaten und entwickelt dort oft ne- benbei geniale Ideen. Einmal die Woche ist da- her ein solcher Zeitblock fix für alle geplant, und ein andermal können sich die Therapeuten einen weiteren Zeitblock variabel stecken. Dann können sie sich online fortbilden oder Workshops nacharbeiten, die sie wiederum in einem Teammeeting vorstellen können. Auch was die Arbeitszeiten angeht, stelle ich meinen Mitarbeitern immer wieder die Frage, ob diese noch passen. Ich wollte auch das Kon- zept von Schichtmodellen austesten. Ich rede einfach viel mit meinen Leuten darüber, was sie mögen und was sie sich wünschen. Dabei habe ich immer die Mission und Vision vom „Kraftpunkt“ und von „Physio365“ im Blick. Einen „Nordstern“ zu haben ist mit das Wich- tigste für eine Praxis. Und heute kann man das Ergebnis sehen: Letztes Jahr hatte ich eine Therapeutin. Jetzt ist es Oktober, und mit mir arbeiten insgesamt vier weitere Physios im Team. Ich muss mir jetzt schon wieder überlegen, wie wir Räum- lichkeiten anbauen können. Das hätte ich mir vor einem Jahr nicht vorstellen können. Das bedeutet, dass du aufgrund deiner Vision ein Konzept für die Praxis entwickelst und dadurch die richtigen Mitarbeiter für dich gewinnst? Ja, genau. Ich habe tatsächlich vorher gedacht, dass jeder Therapeut so arbeiten darf, wie er es mag. Das passt aber nicht zur Vision und Missi- on, wenn ich einen Therapeuten im Team habe, der dagegen stichelt. Wenn ich fünf evi- denzbasierte Physios habe, die am Puls der Zeit arbeiten, die sportlich begeistert sind, dann fühlt sich dieser eine Physiotherapeut, der nur massiert, nicht wohl. Er bremst die an- deren auch aus. Bullshit zu beseitigen, braucht viel mehr Energie, als Bullshit zu schaffen. Je- manden zu einer aktiven Therapieeinstellung zu überreden, ist nicht meine Aufgabe. Da ist er vielleicht woanders besser aufgehoben. War dann dieser Schritt, dich von jemandem zu trennen, das, was am Ende am meisten Aufschwung gebracht hat? . d e v r e s e r s t h g i r l l A . e m e h T . i 6 2 0 2 © | 6 2 / 1 s i x a r p o i s y h p