5 Kommunikationsstrategien Wegen der häufig begrenzten Zeit, die ein Therapeut für einen Athleten zur Verfügung hat, ist es von großer Be- deutung, dass sowohl Trainingsinhalte und -planung als auch die Kommunikation optimal gewählt werden. In den letzten Jahren zeigte sich eindeutig, welchen Einfluss Kommunikationsstrategie und Trainingsplanung auf ver- schiedene motorische Bewegungsaufgaben und kognitive Fähigkeiten haben. Im folgenden Kapitel wird dargestellt, welche Möglichkeiten der Kommunikation und Trainings- planung in der Praxis zur Verfügung stehen, um optimale und nachhaltige Trainingsanpassungen zu erzielen. 5.1 Motorisches Lernen in der Praxis Sowohl im leistungsorientierten Training als auch in der Rehabilitation nach verschiedenen Verletzungen und Er- krankungen ist es oftmals das Ziel, diverse Bewegungs- muster und sportliche Fähigkeiten zu erlernen bzw. wie- der zu erlernen und/oder zu automatisieren. Um die Be- wegungsqualität langfristig zu erhöhen, ist es notwendig, Lernmethoden auszuwählen und anzuwenden, die mög- lichst effektiv und effizient sind. Im Optimalfall erlebt der Athlet eine graduelle und kontinuierliche Verbesserung des trainierten motorischen Bewegungsmusters im Ver- lauf einer Einheit und über mehrere Einheiten hinweg. In einigen Fällen tritt die erwartete Progression allerdings nicht ein, was zur Frustration des Trainers und des Ath- leten führt. Häufig wird dem Sportler dann die Schuld ge- geben, indem ihm mangelnde Konzentrationsfähigkeit oder unzureichender Lernwille unterstellt werden. In die- sen Situationen sollte allerdings der Trainer/Therapeut zwingend hinterfragen, ob die verwendeten Lernmetho- den optimal gewählt und zielführend sind. Weiterhin zu beachten ist das sog. Lernparadoxon. Es ist wichtig zu wissen, dass viele angewandte Methoden den Kriterien des motorischen Lernens widersprechen. Eine kurzfristige Aneignung einer Fähigkeit während einer Einheit stellt zweifellos einen Lernerfolg dar. Jedoch ist zu unterscheiden, ob diese (wieder) erlernte Fähigkeit nur kurzfristig behalten wird oder ob der Athlet sie auch langfristig und selbstständig im sportlichen Wettbewerb in verschiedenen Situationen einsetzen kann. Es ist daher zu unterscheiden, ob diese Fähigkeit nur schnell erlernt wird oder ob sie tatsächlich dauerhaft erhalten bleibt. In wissenschaftlichen Untersuchungen wird die dauerhafte Aneignung einer motorischen oder kognitiven Fähigkeit mittels Retentionstests analysiert. Dabei ist eindeutig zu sehen, dass viele Methoden, die die kurzfristige Leistung erhöhen, oftmals das Gegenteil derer sind, mit denen langfristige und chronische Anpassung erzielt werden. Somit ist nicht davon auszugehen, dass eine optimale Leistung im Training auch eine optimale Leistung im Wettkampf gewährleistet. Um jemandem motorische 5.2 Instruktionen oder kognitive Fähigkeiten optimal beizubringen, sollten demnach Methoden angewandt werden, die sicherstel- len, dass die erhofften Lernerfolge langfristig und selbst- ständig abrufbar bleiben Die Art und Weise von Instruk- tionen, Feedback und Trainingsplanung kann dabei den motorischen Lernprozess erheblich beschleunigen und somit einen bedeutenden Einfluss auf die Anpassung aus- üben. Für Trainer sind daher drei Fragen von großer Be- deutung: ● Wie formuliere ich Übungsinstruktionen? ● Wie und wann erteile ich Feedback? ● Wie strukturiere ich Trainingsabläufe? 5.2 Instruktionen Es wird häufig angenommen, dass es nötig sei, den Fokus des Athleten zunächst auf eine bewusste Ausführung der Bewegung zu lenken (Beilock 2002). Eine explizite An- weisung hinsichtlich der Koordination bestimmter Kör- perteile bzw. Bewegungen soll ihm dabei helfen, eine kor- rekte Zielbewegung zu erlernen und zu automatisieren. Dieser Ansatz ist in der Forschung der Bewegungslehre jedoch nicht belegt (Wulf 2001a). Instruktionen, die auf den geplanten Bewegungseffekt auf die Umwelt abzielen, zeigen bessere Ergebnisse (Wulf 2007). Je nach Formulierung der Instruktion kann der Auf- merksamkeitsfokus des Athleten beeinflusst werden. Er kann entweder intern oder extern gelenkt werden. Ein interner Aufmerksamkeitsfokus (INT) lenkt die Aufmerk- samkeit auf die Koordination der eigenen Körperbewe- gungen (z. B. „Denk an die Bewegung des Ellenbogens und des Handgelenks bei einem Dartwurf.“). Ein externer Aufmerksamkeitsfokus (EXT) hingegen lenkt die Auf- merksamkeit auf den Effekt der Bewegung auf die Um- welt (z. B. „Denk an die Flugbahn des Darts.“). Obwohl sich die Instruktionen nur in einigen Wörtern unterscheiden, belegen Studienergebnisse der letzten 15 Jahre eindeutig einen Vorteil von EXT im Vergleich zu INT hinsichtlich verschiedener Bewegungsaufgaben bei verschiedenen Versuchspersonen (Wulf 2013). Ein EXT führt gegenüber einem INT zu signifikant besseren Leis- tungen in Zielübungen, wie bei einem Golfschlag (Wulf 1999) und einem Dartwurf (Lohse 2010). Weitere Unter- suchungen zeigten ebenfalls signifikant verbesserte ver- tikale (Wulf 2009, Wulf 2010b) und horizontale Sprung- leistungen (Porter 2010, Wu 2012), Sprintzeiten (Porter 2015) sowie Ausdauerleistungen (Schücker 2009), wenn der Aufmerksamkeitsfokus extern gelenkt wurde. Neuere Untersuchungen mit Athleten erbringen ähn- liche Ergebnisse. Sowohl bei Parkinson- als auch bei Schlaganfallpatienten konnten verschiedene motorische Fertigkeiten mit einem EXT noch während der Interven- aus: Groeger u. a., Athletiktraining in der Sportphysiotherapie (ISBN 9783132423633) © 2021 Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York 73